Berlin, 1919

Die Chronik des Johanneums beinhaltet Zeugnisse aus 150 Jahren und zahlreiche Studierende haben mit ihrem Eintrag das Fenster zu einer anderen Welt aufgestoßen. Die individuellen Berichte spiegeln die Meinungen junger Menschen vergangener Zeiten wider und liefern wertvolle Informationen über die Geschichte des Johanneums und Berlins. Einige dieser Stimmen wollen wir im nächsten Jahr auf diesen Seiten vorstellen.

Mit „Weltkrieg 1914–1919“ überschrieb der Studienabgänger Johannes seinen Bericht, den er am 2. Juli 1919 bei seinem Auszug aus dem Wohnheim in die Chronik eintrug. Das Mitglied von Studentenverbindungen in Tübingen und Berlin, Leutnant der Reserve, war erkennbar deutsch-national eingestellt und kehrte nach zwei bewegten Semestern im Johanneum diesem wieder den Rücken.

Beim Lesen denke ich mir: „Krass! War der Junge überhaupt im Krieg?“ (Wahrscheinlich schon, schließlich studierte er 1913 und dann wieder 1918.) Er besingt Tod und Glorie und wettert gegen den Frieden, den er als „Schandfrieden“ diffamiert. Die im Werden begriffene Republik hingegen und insbesondere die Berliner Unruhen findet er gar nicht gut. Stattdessen sehnt er sich nach einem „Mann, … der unser Vaterland zum Lichte emporführen wird“. Die ich rief, die Geister … Wie eng und rückwärtsgewandt erscheint diese kriegsverherrlichende Sicht heute.

Der kurze Text ist aber ein dicht kondensiertes Zeugnis für die politisch und sozial gespannte Lage in Berlin im Jahr 1919, schildert Inflation & Hunger, beklagt die zermürbenden Streiks & Aufstände und ereifert sich über den alles überstrahlenden 9. November. Damit ist der Bericht ein hochspannendes Zeugnis für diese explosive Zeit. Johannes beginnt folgendermaßen:

„Vor wenigen Tagen ist der Schandfriede unterzeichnet worden. Schweres haben wir durchgemacht! Schweres steht uns bevor! Wie glücklich dürfen all die sein, die vor mir beim Scheiden aus dem Johanneum einen Abschiedsgruß in dieses Buch geschrieben haben! Sie zogen ja in die sonnige, lockende Welt hinaus! Und heute? Schon oft habe ich all die lieben Kameraden beneidet, die auf dem Felde der Ehre zur letzten Ruhe gebettet liegen. Sie sind im Glauben an ein starkes, einiges Deutschland abgerufen worden. Wir aber mußten einen 9. November 1918 erleben!“

Es ist mir unverständlich, wie er sich so kategorisch gegen einen Frieden aussprechen konnte. Sicherlich: Über Bedingungen des Versailler Vertrages und den Verhandlungsverlauf aufgebracht zu sein, hatte eine Berechtigung. Aber alles ist doch besser als das Morden in den Gräben! Der Bericht jedoch glorifiziert die Kriegshandlungen, stellt das Soldatendasein auf den Schlachtfeldern als ein ruhmreiches und beneidenswertes Leben dar. Es waren aber gerade auch Soldaten, die den Frieden wollten: Mit dem Aufstand der Kieler Schiffsbesatzungen und Arbeitskräfte am 3. November 1918 begann die Novemberrevolution.

Das Bild links zeigt den Soldatenrat des Linienschiffes „Prinzregent Luitpold“.
Deutsche und russische Soldaten feiern während eines Waffenstillstandes 1918 zwischen den Stellungen.

Der Bericht fährt fort:

„Und jetzt müssen wir zusehen, wie unser liebes Vaterland, aus tausend Wunden blutend, vom Bolschewismus zerfleischt und zu Tode gemartert wird! Wir stehen vor der Diktatur der Proletariats. Nur ein Wunder kann uns retten!“

Die politischen Umbrüche führten gerade in Berlin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Am Anfang des Jahres 1919 hatte der blutige „Spartakusaufstand“ mit dem Ziel, die Nationalversammlung zu unterminieren und eine Räterepublik zu errichten, die Hauptstadt Berlin erschüttert. Im Nachklang waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet worden, was wenig geeignet war, die Stimmung zu besänftigen. Die nächste Zerreißprobe für Berlin und die Republik war der Märzaufstand, als ein Generalstreik ausuferte und die radikalisierten Arbeiter*innen wiederum eine Räterepublik erkämpfen wollten. Militäreinsätze im Stadtgebiet und standrechtliche Erschießungen forderten 1200 Todesopfer.

Revolution 1918 am Neptunbrunnen vor dem Berliner Schloss.
Rote Fahnen am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor.
Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 die Republik aus.

„Das Leben hier im Johanneum stand naturgemäß auch unter dem Druck des 9. November! An Verpflegung vom Johanneum aus war selbstverständlich bei der Lebensmittelnot nicht zu denken. So ließen wir uns denn unser kärgliches Mahl aus der Volksküche holen. – Im Winter hatten wir weder Kohlen noch Licht in annähernd ausreichender Menge. So war es denn ein Lichtblick in diesem Jammertal, als wir zum Sommer elektrisches Licht bekamen. Dem vergeblichen Antragstellen auf Lieferung von Kerzen oder Petroleum bei der Lebensmittelkommission war somit ein wohltuendes Ende bereitet.“

Widrige Lebensumstände in dem vom Krieg ausgezehrten Berlin drückten auf die Nerven! Auch nach der Einstellung der Kampfhandlungen an der Front trat keine sofortige Besserung der allgemeinen Notlage ein und blieben die Lebensmittel rationiert. Welche politischen und gesellschaftlichen Kräfte die schlimme Situation zu verantworten hatten, das war für den Zeitzeugen aber eindeutig: die Sozialistische Bewegung.

„Daß unser Leben von keinerlei Üppigkeit überfloß, dafür ist von den politischen Feinden Deutschlands, mehr aber noch vom deutschen Proletariat gesorgt worden. So ruht z.b. jetzt schon wieder seit mehreren Tagen sämtlicher Eisenbahn-, Straßenbahn- und Untergrundbahnverkehr in der Stadt. Sie wollen Deutschland wieder „emporstreiken“! Daß natürlich die Preise sämtlicher Waren ins Märchenhafte gestiegen sind und immer noch steigen, wird höchstens noch einen Leser dieser Zeilen in späten Jahren verwundern können, wenn ein Ei oder eine Zigarre wieder 7–10 p[?], nicht wie jetzt 1,50 M, das Pfund Butter wieder 2 M, nicht 30 M, ein Anzug 100 M, nicht 1000 M, kosten wird!“

Der Bericht zeichnet ein düsteres Bild von den widrigen Lebensumständen in Berlin unmittelbar nach dem Ende des 1. Weltkrieges. Frustration und eine bittere Weltsicht durchdringen die Zeilen. Der Schreiber war (nachvollziehbar!) verärgert und schockiert über die Zustände in der eigenen Stadt – die Kämpfe hätte er (absolut unverständlich!) viel lieber an die Front verlagert. Mit einem mulmigen Gefühl lese ich die letzten Zeilen und den Wunsch, der 100 Jahre später wie eine düstere Prophezeiung anmutet. Hatte doch nur einige Zeit später der Mann, von dem vielleicht Johannes redet, die wackelige Republik gestürzt und in einen Strudel der Gewalt gestoßen.

„Doch das sind alles Kleinigkeiten im Vergleich zu dem sittlichen Tiefstand unseres Volkes, insonderlich hier in Berlin. – Es ist unmöglich, all den Schmutz und die Gemeinheit zu schildern, die die Straßen Berlins jetzt bieten! – Auf anderen Gebieten sieht es genau so trostlos aus. Wann wird endlich der Mann kommen, der unser Vaterland wieder zum Lichte emporführen wird?!

Ich bin wohl zufrieden, daß ich Berlin verlassen kann, um eine Hauslehrerstelle in Steglitz zu übernehmen. So scheide ich nicht ungern aus dem Johanneum, dem ich seit September 1918 angehört habe, wenngleich ich liebe Freunde in ihm zurücklassen muß!

In Dankbarkeit!
Johannes“

Der Bericht steht auf den Seiten 281f in der Chronik des Johanneums (Bd. 2). Wie Johannes zum Johanneum gehört, gehören auch wir zur Geschichte dieses Hauses, dieser Stadt und dieser Welt.

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